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Schleizer Bausoldat Joachim Rüdiger erinnert sich

Schleiz (Jürgen Müller/Anzeige-Werbung). Am 24. Januar 1962 führt die Deutsche Demokratische Republik die Wehrpflicht ein. Nur eine Minderheit der Wehrpflichtigen traut sich, den Dienst mit der Waffe zu verweigern. In den ersten beiden Jahren nach Einführung der Wehrpflicht verweigern 1550 Wehrpflichtige ihre Einberufung. Mit einer Anordnung des Nationalen Verteidigungsrates der DDR wurden am 7. September 1964 die „Baueinheiten“ in der NVA ins Leben gerufen. Die Bausoldaten sind statt des Fahneneides zu einem Gelöbnis verpflichtet. Diesen Wehrersatzdienst treten junge Männer an, die die Ausbildung an der Waffe aus religiösen Anschauungen oder aus ähnlichen Gründen ablehnen. Wer den Wehrdienst verweigert muss allerdings mit einer Haftstrafe von bis zu 22 Monaten rechnen. Zu den Wenigen, die sich für den mutigen Schritt entscheiden, nicht den regulären Dienst in der NVA anzutreten, gehört der ehemalige Schleizer Joachim Rüdiger. Seine Erziehung, insbesondere die Berichte seines Vaters über den Zweiten Weltkrieg, wecken bei ihm schon frühzeitig den Wunsch, ein Zeichen zu setzen. Dies beginnt bereits während seiner Schulzeit, als er sich weigert in die FDJ einzutreten. Ab diesem Zeitpunkt ist sein weiterer Lebensweg im Arbeiter- und Bauernstaat von Repressalien geprägt. Im Frühjahr 1964 erhält er den verhassten Musterungsbescheid zu gestellt. Im Schleizer Parkheim wird Rüdiger für diensttauglich eingestuft. Neben dem stadtbekannten Leiter des Wehrkreiskommandos beglückwünscht ihn ein Verbindungsoffizier des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) sowie weitere Personen zum „Ehrendienst“ in der NVA. All seinen Mut zusammennehmend verkündet er, dass er sich nicht für den Waffendienst zur Verfügung stellen wird. Die Stimmung im Raum kippt, der Ton wird rauer. Der Stasi-Offizier wirft ihm vor, er sei der Allerletzte und was er dem werktätigen Volk antut. In einem separaten Raum wird ihm eine Schreibmaschine zur Verfügung gestellt. Er muss eine Stellungnahme schreiben: „Hiermit weigere ich mich aus Glaubens- und Gewissensgründen den Wehrdienst mit der Waffe abzuleisten. Meine Verwandten leben alle in der BRD. Ich möchte deshalb nicht gezwungen werden, die Waffe auf sie zu richten.“ Am Abend wird er als Letzter nochmals befragt. Erneut wird Rüdiger massiv bedrängt, um seine Entscheidung zurückzunehmen. Doch er bleibt standhaft. Fünf Jahre dauert es noch, bis er die Einberufung zum „Ehrendienst“ erhält. Ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt lernt er eine junge Frau kennen, was die Sache für ihn noch härter machen sollte. Im Übrigen, die Liebe hält bis zum heutigen Tag. Zumindest in dieser Beziehung gab es für beide ein Happy End. Bei der Einberufungsuntersuchung am 12. März 1969 Sozialgebäude des VEB „Blewa“ erfährt er, dass er als Bausoldat nach Garz/Usedom eingezogen wird. Eine ungewisse Zukunft beginnt. Garz ist für den Schleizer unendlich weit weg. Bausoldaten werden nur alle 18 Monate eingezogen. So ist es nicht möglich, im Vorfeld mit einem Vorgänger Erfahrungsberichte auszutauschen. In Garz angekommen gibt es keine Gelegenheit mehr zum Nachdenken, sofort geht es militärisch zu. Insgesamt 110 Bausoldaten sind am Standort untergebracht. Bei einem unglaublichen Durcheinander erfolgt das Einkleiden, die Unterwäsche wird zum Beispiel nach Augenmaß ausgegeben. In einer Zeltplane verpackt wird alles aufs Zimmer geschleppt und unter Aufsicht in den Spind eingeräumt. Mit einem dümmlichen Grinsen im Gesicht der Unteroffiziere werden die Bausoldaten überwacht und angeschissen. Es sind die ersten Anzeichen dafür, wie zukünftig die Machtverhältnisse verteilt sein werden. Als besonders nervig wird das ständige Schreien von Befehlen empfunden. Auffallend ist, dass alle Bausoldaten im relativ „hohen“ Alter eingezogen werden. Sie sind zumeist älter als ihre direkten Vorgesetzten. Es ist die Rache des Staates, sie gelten als Staatsfeinde. Das Kalkül ist es, die Bausoldaten erst sehr spät und weit weg vom Heimatort einzuziehen. Familienväter lassen sich besser lenken und leiten, dies erweist sich im Nachhinein als ein Trugschluss.

In der dreiwöchigen Grundausbildung merken die Bausoldaten sehr schnell, dass die Unteroffiziere nicht gerade übermäßig mit Intelligenz ausgestattet sind. Zumindest anfänglich behalten sie aufgrund ihrer Befehlsgewalt die Oberhand. Dies sollte sich jedoch im Laufe der nachfolgenden Monate ändern. Am 9. Mai 1969 bekommt der Bausoldat Joachim Rüdiger erstmals die Härte seines Befehlsgebers zu spüren. Es ist kalt und leichter Nieselregen geht nieder. Völlig durchnässt muss zum Appell angetreten werden. Voller Frust und mit mächtig Wut im Bauch murmelt er vor sich hin: „Euch Mistkerle müsste man doch alle einsperren!“ Diesen Satz hört ein Unteroffizier, der dies sofort weitermeldet. Solche Worte aus dem Mund eines Bausoldaten! Zum Verhör am nächsten Tag stehen ihm der Kommandeur, ein Major sowie ein Oberleutnant gegenüber, der Kapo ist als Zeuge dabei. Zum Glück gelingt es ihm durch sein ständiges Wiederholen, dies nur aus Frust gesagt zu haben, die Sache etwas herunterspielen. Seine „Richter“ drohten ihm mit dem Militärstaatsanwalt, das hätte Militärgefängnis bedeutet. Sie lassen „milde“ walten. Beim nächsten Appell wurde er zur Abschreckung für die anderen vor versammelter Mannschaft zu drei Tagen Bau verdonnert. Und dies bereits nach acht Tagen beim Militär! Die Strafe musste er schließlich zu Pfingsten absitzen, um keine Arbeitstage zu versäumen. Die Grundausbildung der Bausoldaten unterscheidet sich nur unwesentlich von dem der Baupioniere, die ebenfalls in diesem Kasernenobjekt stationiert sind, das vormals von der Wehrmacht genutzt wurde. Lediglich die Waffenausbildung entfällt bei den Bausoldaten. Am 8. Mai ist der Tag, an dem das Gelöbnis gesprochen werden soll. Nach dem Verlesen der einzelnen Abschnitte, gilt es die Worte „Das Geloben wir!“ nachzusprechen. Doch es herrscht eisiges Schweigen! Damit hat niemand gerechnet, dass sich alle verweigern diese Worte in den Mund zu nehmen. Die Wut der Vorgesetzten ist unbeschreiblich. Die Anspannung löst sich erst, als der Befehl zum Abmarsch kommt. Keiner wusste, was jetzt passieren wird. Zwei W50 stehen bereit, um die Verweigerer in den Militärknast abzutransportieren. Doch es passiert nichts. Alle Soldaten in den Knast zu schicken, wäre eine Blamage für die Offiziere gewesen. Sie lassen ihren Frust mit zahlreichen Schikanen an den Bausoldaten aus. Der weitere Dienstverlauf führt Joachim Rüdiger in die Kfz-Werkstatt. Andere werden als Vermesser, als Kraftfahrer sowie auf verschiedenen Baustellen eingesetzt. Die NVA beziehungsweise Staatssicherheitsdienst haben von Beginn an ein Problem mit den Bausoldaten (alle Jahrgänge bis 1989). Sehr schnell stellt die Führung fest, dass sie sich mit den Einheiten der Bausoldaten selbst schaden. In einem Schreiben heißt es: „Wir legen den Grundstein für eine spätere Zusammenrottung, die einen staatsfeindlichen Charakter trägt. Eine Dezentralisierung dieser Leute wäre entschieden besser. So spannen sich politisch-organisatorische Beziehungen über die ganze DDR aus.“ Den Bausoldaten wird blinde Gefolgschaft zur westlichen Wertvorstellung und blanke Feindschaft zum SED-Staat nachgesagt. Der Versuch, Spitzel bei den Bausoldaten einzuschleusen ist der Stasi nur gelegentlich gelungen, zu groß war das Misstrauen in deren Reihen. Bei einem Treffen der Bausoldaten nach der Wende stellte sich heraus, dass auch in Garz zu jener Zeit ein Spitzel war. „Bei uns ist er nur kurz zu Gast gewesen. Mein Eindruck war immer, er ist ein Hans-Dampf in allen Gassen. Er hat sich inzwischen selbst gemeldet und um Verzeihung gebeten. Vermutlich ist er mit sich selbst nicht mehr ins Reine gekommen. Vor Kummer ist er schwer krank geworden“, berichtet Joachim Rüdiger. Was das DDR-Regime mit seiner Bevölkerung gemacht hat, konnte er im kleinen Kreis bei diesem Treffen erfahren. „Einige sind vor Scham und Schmach zerbrochen, andere haben profitiert. Es ging uns bei diesem Wiedersehen auch um Vergebung“, fährt der heute 74-Jährige fort. Mit Tränen in den Augen berichtet ein ehemaliger Kamerad von ihm, dass es sehr laut im Zimmer wurde nachdem er sich gegen den Waffendienst ausgesprochen hatte. Sein Bruder kommt zur Tür herein, gibt sich als Stasi-Mann zu erkennen und beschimpft ihn. Wenn er nicht umschwenkt und sich zum Staat bekennt, will dieser nichts mehr mit ihm zu tun haben. Er war schockiert, nicht einmal die Familie ahnte, dass der Bruder bei der Stasi ist. Selbst nach 45 Jahren kann er seinem Bruder noch immer nicht verzeihen. Sie haben niemals mehr ein Wort miteinander gewechselt. Auch für Joachim Rüdiger hatte die Entscheidung Bausoldat zu werden Konsequenzen. Er musste während seiner Bausoldatenzeit seinen fast abgeschlossenen Meisterlehrgang ohne Abschluss beenden. Der Grund: Er wurde nicht für zuverlässig genug gehalten, Jugendliche im Sinne der sozialistischen Ausbildung heranzuführen.

Foto: Joachim Rüdiger

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